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Jetzt ist Jähns Double mehr denn je gefragt —   Zum 80. Geburtstag von Eberhard Köllner

Von Gerhard Kowalski

 

Credit:G. Kowalski

Eberhard Köllner hat im Stillen gehofft,  auch einmal in den Weltraum fliegen zu können,  als er im August 1978 in Baikonur auf der Startrampe stand und sah,  wie Sigmund Jähn als erster Deutscher ins All gestartet ist. Ich stand neben ihm. Mit Tränen in den Augen bat er mich um eine Zigarette. Ich hätte ihm liebend gern diesen Wunsch erfüllt,  aber ich war Nichtraucher. Ein Journalistenkollege reichte ihm dann aber eine Club.

Jähns Double war damals davon ausgegangen, wie er mir sagte,  dass es im Rahmen des Interkosmos-Programms durchaus eine „zweite Runde“  geben könnte, bei der er dann wohl zum Zuge gekommen wäre. Allerdings habe er „nicht überblickt,  dass das DDR-System ökonomisch so ausgereizt war“. Die Sowjets hätten als „Startfenster“  für die zweite Mission das Jahr 1992 reserviert. Das wäre dann sicher auch die große Chance für Köllner gewesen,  der ja die gesamte Kosmonautenausbildung im Sternenstädtchen  bei Moskau an der Seite Jähns erfolgreich absolviert hatte. Der Flug sollte aber mindestens 50 Millionen Westmark kosten. Doch die DDR hatte dieses Geld nicht und brach zudem zuvor zusammen.

Köllner schied im Range eines Obersten freiwillig aus der Nationalen Volksarmee (NVA) aus,  absolvierte ein Betriebswirtschaftsstudium und arbeitete bis zur Rente als Dispatcher in der freien Wirtschaft. „Die Uniform der Bundeswehr anzuziehen,  hätte ja bedeutet,  zum Gegner überzulaufen“, begründete er seine Entscheidung. Das hätte seiner „politischen Grundauffassung“  widersprochen.

Ironie der Geschichte:  Das für die DDR reservierte „Startfenster“  wurde dann doch noch genutzt. Es flog aber nicht Köllner, sondern der Bundeswehroffizier Klaus-Dietrich Flade im Rahmen der Mission MIR 92.

Und so blieb Köllner lebenslang die undankbare Rolle des Doubles. Diese hat er aber stets mit großer Würde und ohne jeglichen Groll ausgefüllt. Am 29. September begeht er nun in Neuenhagen bei Berlin seinen 80. Geburtstag. Leider wird der vom Tod seines Freundes Sigmund überschattet. Der ist am vergangenen Samstag plötzlich und unerwartet im benachbarten Strausberg verstorben.

Die deutsche Raumfahrtgemeinde rätselt jetzt,  wie es ohne den allseits beliebten und bescheidenen Kosmoshelden weitergehen soll,  der leider erst nach seinem Tode die ihm gebührende gesamtdeutsche Würdigung erfuhr. Und da kommt für mich Köllner ins Spiel. In letzter Zeit hat er Jähn schon verstärkt bei der Wahrnehmung seiner zahllosen gesellschaftlichen Verpflichtungen unterstützt. Jetzt könnte er mit seinem fortgesetzten Engagement die schmerzliche Lücke schließen helfen, die der erste Deutsche im All hinterlässt,  und damit auch sein Double-Dasein krönen.

Berlin,  den 28. September 2019

4 comments to Jetzt ist Jähns Double mehr denn je gefragt —   Zum 80. Geburtstag von Eberhard Köllner

  • Andreas Reissmann

    Guter Artikel –der auch mal kurz die Situation wirklich beschreibt. Oft ranken sich ja um Eberhard Köllner „seltsame“Theorien…
    Er war auch zum 40. Flugjubiläum in Rautenkranz dabei.

  • Gerhard Kowalski

    Eberhard ist ok.
    Für die komischen Gerüchte konnte er nichts.
    Gemeinsam mit Sigmund hat er alles geklärt.
    Er hat mir versprochen,sich weiter zu engagieren.
    Wir müssen nur noch abwarten,was die Ausstellung und das DLR vorhaben.
    Sicher hat auch der sächsische MP eine Idee.

    Von der Regierung erwarte ich nichts nach dem Auftritt der stellv. Regierungssprecherin am letzten Montag in Berlin.

    GK

  • Jan Z.

    Eberhard Köllner ist ein ehrlicher und offener Mensch,ich hatte in letzter Zeit mehrmals die Möglichkeit mit Ihm zu sprechen,auch beim letzten großen Fliegertreffen am 3.4.2019 in Dresden,wo sehr viele alte Kameraden weitere Ersatzleute wie Herr Misch,Herr Wehner und Herr Dr.Haase und auch Sigmund anwesend waren! Es gab viele tolle Gespräche und noch einmal ein Einblick über die wirkliche Entwicklung der Auswahl vom ersten deutschen Kosmonauten! Hier entstand glaube ich auch eines der letzten Fotos von Sigmund und Eberhard,welches ich vor der Frauenkirche fotografiert habe. Nachträglich alles Gute Eberhard und ich denke er wird die kommenden Aufgaben meistern!

  • Gerhard Kowalski

    Ich denke das auch.

    GK

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