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Strausberg gedenkt seines Ehrenbürgers Sigmund Jähn –  Stadtrat von Halle führt bizarren Streit um Namensgebung für neues Planetarium (korrigierte Fassung)

Credit:G. Kowalski

Berlin,  13. Februar 2021 —   Die brandenburgische Stadt Strausberg hat am Samstag seines Ehrenbürgers Sigmund Jähn gedacht. Der erste Deutsche im All wäre an diesem Tag 84 Jahre alt geworden. Auch Freunde und Raumfahrtfans legten aus diesem Anlass am Grab des Ex-DDR-Kosmonauten und -NVA-Generals Blumen nieder,  der am 21. September 2019 verstorben war.

Die diesjährige Strausberger Ehrung des gebürtigen Vogtländers wurde von einem unwürdigen politischen Gerangel um die Namensgebung für das neue Planetarium am Holzplatz in Halle/Saale überschattet. Es soll das 2013 vom Hochwasser zerstörte Planetarium auf der Peißnitzinsel ersetzen,  das seit Jähns Raumflug mit seinem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski zur Raumstation Salut-6 1978 seinen Namen trug.

Den Ton für die diesbezügliche Diskussion hat die Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur,  Birgit Neumann-Becker (CDU), vorgegeben. Die ehemalige Studentenpfarrerin aus Görlitz sagte,  Jähn habe zu denen gehört,  „die die Diktatur in der DDR repräsentierten und das System bis zum Schluss stützten“. Dann fügte sie hinzu:  „Repräsentanten einer Diktatur eignen sich nicht als Namensgeber in der Demokratie,  noch dazu an einem außerschulischen Lernort. Man wird dort über ihn informieren,  ein zukunftsweisend gültiger Namenspatron kann er nicht sein.“

Die CDU,  die FDP und die Grünen lehnten daraufhin im Kulturausschuss des Stadtrates den Vorschlag der SPD, der Linken und von MitBürger &Die PARTEI ab,  den Namen beizubehalten. In der Abstimmung am 3. Februar setzten sie mit Hinweis auf die Stellung des Namenspatrons zu DDR-Zeiten den immerhin neutralen Namen Planetarium Halle (Saale) durch. Angesichts des Kräfteverhältnisses im Stadtrat ist damit zu rechnen,  dass der dem am 24. Februar endgültig zustimmen wird.

Die Diskussion in Halle erscheint mir 30 Jahre nach dem Ende der DDR völlig aus der Zeit gefallen. Hat speziell Frau Neumann-Becker nicht mitbekommen,  wo die deutsche Öffentlichkeit inzwischen bei der Bewertung der Person Sigmund Jähns angekommen ist?

Die bundesdeutschen Astronauten beispielsweise,  die Jähn in den Weltraum gefolgt sind,  haben sich schon lange geschlossen hinter ihn gestellt und betrachten ihn als ihren Doyen. Gerhard Thiele sagte beispielsweise auf einem Treffen zum 40. Jahrestag des Jähn-Fluges 2018 in dessen vogtländischer Heimat Morgenröthe-Rautenkranz:  „Ich freue mich,  dass Du der Erste warst.“ Jähn und sein vogtländischer Landmann Ulf Merbold sind schon lange Freunde geworden,  obwohl der kurz vor dem Mauerbau aus politischen Gründen die DDR verlassen hatte. Der „Republikflüchtling“,  der 1983 auf eigene Initiative als zweiter Deutscher ins All geflogen ist,  hat dem entlassenen und arbeitslosen Ex-DDR-General in einer sehr noblen Geste als Berater beim heutigen Kölner Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) empfohlen. In dieser Eigenschaft hat Jähn maßgeblich geholfen,  fünf der zehn bundesdeutschen Astronauten auf ihre Flüge mit den Russen zur russischen Raumstation MIR und zur Internationalen Raumstation ISS vorzubereiten. Der jüngste und bislang letzte von ihnen,  Alexander Gerst, hatte sogar bei seiner zweiten ISS-Mission ein DDR-Abzeichen von Jähns Flug dabei. Gerst hat das Abzeichen in der Aussichtsplattform Cupola vor dem Hintergrund der Erde fotografiert und seinem zutiefst gerührten Freund Sigmund zu dem Jahrestag überreicht.

Seit vielen Jahren ist Jähn auch schon Ehrenbürger der deutschen Hauptstadt Berlin und seines letzten Wohnortes Strausberg.

Dass Jähn schon bald nicht mehr unter uns weilen würde,  hat niemand vermutet. Sein plötzlicher Tod hat deutschlandweit Trauer und Bestürzung ausgelöst. Die Medien berichteten ungewöhnlich breit darüber.

Das DLR würdigte in seinem Nachruf den Verstorbenen als „Brückenbauer“  zwischen Ost und West. Dieses Prädikat hat auch die Bundesregierung übernommen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier betonte in seinem Kondolenzschreiben an Jähns Witwe Erika:„Mit Sigmund Jähn verlieren wir einen wundervollen Menschen und eine herausragende Persönlichkeit der Geschichte der Raumfahrt… Zum ´Helden wider Willen´ bestimmt,  hat Sigmund Jähn der Ruhm nicht daran gehindert, sich selber treu zu bleiben. Wer ihm je begegnete, dem bleiben seine Hilfsbereitschaft und seine liebenswürdige Bescheidenheit in Erinnerung.“ Deutschland trauere „um einen Mann,  der sich um unser Land in herausragender Weise verdient gemacht hat“.

Mit zwei wunderbaren Filmen hat auch das Fernsehen Jähn inzwischen ein würdiges Denkmal gesetzt. Schade,  dass er sie nicht mehr sehen konnte.

© Gerhard Kowalski

 

11 comments to Strausberg gedenkt seines Ehrenbürgers Sigmund Jähn –  Stadtrat von Halle führt bizarren Streit um Namensgebung für neues Planetarium (korrigierte Fassung)

  • G. Weigelt

    Frau Birgit Neumann-Becker (CDU) sollte sich ihres mangelnden Wissens schämen. Der pure Hass ohne objektive Geschichtsbewertung ist kein Beitrag für ein ein Zusammenwachsen dieses Landes.

  • Gerhard Kowalski

    Sie sagen es.

    GK

  • Michael Brömmer

    Da muss ich Ihnen völlig Recht geben Herr Weigelt. Frau Neumann –Becker sollte sich um andere,noch bestehende Gebiete der Aufklärung kümmern.Außerdem sollte sich die Dame einmal hinterfragen,ob wir heute wirklich noch in einer Demokratie leben wie sie meint.

  • Juergen Nabel

    Ich frage mich sowieso immer wieder,was dieses Hervorheben eines „Widerstandes“gegen das DDR-Regime dem Einzelnen gebracht hätte. Die,die sich dagegen auflehnten,sind wahrscheinlich nicht mal mehr bekannt. Ebenso verschwunden wie zur Zeit des 1000-jährigen Reiches. Es ist ein einfaches nachher zu sagen:Ihr hättet doch…

  • Ralph Schneider

    Von solchen Politikern wie Neumann-Becker ist nichts anderes zu erwarten. Jede/r blamiert sich eben auf seine/ihre Weise. So ein Benehmen verhindert auch die deutsche Einheit.

  • Thomas Schultz

    Ein Trauerspiel.
    Sigmund Jähn bedeutet mir als Westdeutscher mehr als diese abgehobenen Eliten.

  • Gerhard Kowalski

    Ich denke,dass sich die Vernunft letztlich durchsetzen wird.

    GK

  • Michael Graeme

    Danke Gerhard,Unwissenheit,Dummheit und politische Verblendung sollen nicht Recht behalten.

  • Gerhard Kowalski

    Die Sache ist noch nicht ausgestanden.

    GK

  • L. Van Braekel

    Meine erste Begegnung mit Sigmund Jähn,in 1992 und alle 27 Jahre danach haben mein Leben unsagbar bereichert. Er war ein Mensch mit viel Würde,Kraft,Stolz,Mut,Leidenschaft und geistiger Kraft. Er war wirklich ein herzensgute Mensch der nicht weniger als ‚Alles‘gegeben hat. Er war auf sehr sympatische weise authentisch und jemandem wo ‚Ein Mann,ein Wort‘noch die richtige Bedeutung hat. Als Kosmonaut hat er sich mehr als bewiesen,aber davon berichten schon andere. Ich bin erleichtert das ich nicht in die ehemalige DDR lebe,sonder hier in West Deutschland wo die Raumfahrtgemeinde den‘Mensch‘Jähn nun mal richtig einzuschatzen weiss. Warum stellen Sie so ein ‚Vorzeigemensch‘in Frage und debattieren Sie über eine Namensgebung dort wo es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein soll? Es tut mir wirklich Leid das Sie offensichtlich Sigmund Jähn nicht gut als Mensch haben kennenlernen dürfen.
    Auf Ihn war immer Verlass. Auf euch auch?

  • Gerhard Kowalski

    Sigmund Jähn wird im Osten unseres Landes viel mehr geschätzt als im Westen. Und die unwürdige Sache in Halle ist noch nicht zu Ende. Das steht fest. Dafür sorgen nicht zuletzt seine Astronauten-Freunde.

    GK

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