„Märkische Oderzeitung“: (2. 12. 2021) Sigmund Jähn. Streit um Bundesverdienstkreuz – entscheidet Verfassungsgericht über Akten zu DDR-Kosmonauten? Ein Fall für die Justiz? Die Staatskanzlei Brandenburg verhinderte vermutlich das Bundesverdienstkreuz für Kosmonaut Sigmund Jähn. Linken-Fraktionschef Sebastian Walter verlangte Akteneinsicht und droht jetzt mit rechtlichen Konsequenzen.

Von Ulrich Thiessen

Die brandenburgische Staatskanzlei weigert sich laut Linken-Fraktionschef Sebastian Walter, Akteneinsicht im Fall des früheren DDR-Fliegerkosmonauten Sigmund Jähn zu gewähren. Gegenüber dieser Zeitung erklärte der Oppositionspolitiker am Donnerstag, dass er nach einer schriftlichen Mahnung Ende kommender Woche vor das Landesverfassungsgericht ziehen wird. Er will auch in Absprache mit der Familie Jähns Klarheit erlangen, warum der erste Deutsche im All nie eine bundesdeutsche Ehrung erfahren hat.

Ende August war durch einen Bericht der Zeitschrift „Super Illu“ bekannt geworden, dass die brandenburgische Staatskanzlei sich gegen eine Ehrung von Sigmund Jähn durch den Bundespräsidenten ausgesprochen hatte und damit die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes verhindert wurde. Der gebürtige Sachse war im August 1978 als erster Deutscher ins All geflogen und verbrachte sieben Tage auf der sowjetischen Raumstation Salut 6. Er lebte später bis zu seinem Tod im September 2019 im brandenburgischen Strausberg.

2018 hatten mehrere bundesdeutsche Astronauten Jähn für die Ehrung vorgeschlagen, weil er nach der Wende eine wichtige Rolle bei gemeinsamen Raumfahrtprojekten mit Russland gespielt hatte. Die Initiatoren der Ehrung erhielten die Mitteilung des Bundespräsidialamtes, dass schon früher eine Ehrung Jähns von der Staatskanzlei in Brandenburg, die bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes hinzugezogen wird, abgelehnt worden war. Regierungssprecher Florian Engels dementierte dies Ende August nicht und betonte, dass es grundsätzlich kein Anrecht auf Ordensverleihungen gebe und es prinzipiell keine Auskünfte zu Ordensprüfverfahren gebe.

Walter stellte daraufhin am 10. September einen Antrag auf Akteneinsicht. Passiert ist seitdem nichts. Das Landesverfassungsgericht hat in ähnlichen Fällen die Akteneinsicht angeordnet, wenn Behörden nicht innerhalb eines Vierteljahres reagierten. Walter verwies darauf, dass Ministerpräsident Dietmar Woidke beim Tod von Sigmund Jähn 2019 diesen in den höchsten Tönen gelobt hatte. In einem Gratulationsschreiben zum 80. Geburtstag 2017 hatte der SPD-Regierungschef den Kosmonauten als „Helden für mehrere Generationen“ bezeichnet, der völlig zu Recht die Ehrenbürgerschaft von Strausberg erhalten habe.

Gerüchte um Stasi-Kontakte

Walter will klären, warum Woidke beziehungsweise seine Protokollabteilung sich dann gegen eine Ordensverleihung sperrten. Der Linken-Politiker verwies auf immer wieder aufkeimende Gerüchte, Jähn wäre als Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit geführt worden. Jähn hatte die Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst bestritten. Selbst wenn dem so wäre, sagt Walter, gehöre das an die Öffentlichkeit. „Wir müssen lernen, auch mit den Widersprüchen in ostdeutschen Biografien umzugehen“, betont der Fraktionschef der
Linken. Die westdeutschen Astronauten, die die Ehrung von Jähn vorgeschlagen hatten, seien offenbar viel weiter in der Bewertung Ostdeutscher als es der brandenburgische Regierungschef ist , schlussfolgerte Walter.

Dieser Beitrag wurde unter Raumfahrt veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

14 Antworten zu „Märkische Oderzeitung“: (2. 12. 2021) Sigmund Jähn. Streit um Bundesverdienstkreuz – entscheidet Verfassungsgericht über Akten zu DDR-Kosmonauten? Ein Fall für die Justiz? Die Staatskanzlei Brandenburg verhinderte vermutlich das Bundesverdienstkreuz für Kosmonaut Sigmund Jähn. Linken-Fraktionschef Sebastian Walter verlangte Akteneinsicht und droht jetzt mit rechtlichen Konsequenzen.

  1. Thomas Schultz sagt:

    Sigmund war ein Brückenbauer zwischen Ost und West. Er hätte die Ehrung mehr als verdient gehabt. Zum Fremdschämen ,sage ich als „Westdeutscher“ Raumfahrtfan!

  2. Gerhard Kowalski sagt:

    Dem ist nichts hinzuzufügen.

    GK

  3. Jürgen Nabel sagt:

    Es ist nicht nur traurig, was von „unserem“ Staat hier gegenüber Sigmund Jähn gemacht wird, sondern in gleichem Maße beschämend. Akteneinsicht! Im Bundestag haben wir ja auch Personen sitzen, die aus dem Osten kommen. Sind das dann auch alles Personen, von denen man Akteneinsicht verlangen sollte?

  4. Gerhard Kowalski sagt:

    Ich bin froh, dass sich Sebastian Walter der Sache nun ernsthaft annimmt. Ich war nämlich beim Regierungssprecher von Bandenburg, Herrn Engels, und auch beim Ordensausschuss mit meinen Fragen gescheitert. Die haben einfach nicht mehr reagiert, vielleicht weil ich mich korrekterweise als Raumfahrtjournalist vorgestellt habe. Ich bin gespannt, was sie möglicherweise zu verbergen hatten.

    GK

  5. Hollstein, Bernd sagt:

    Ähnliches spielt sich bei der Namensfindung für das neue Planetarium in Halle ab. Schulen und Straßen wurden nach Sigmund Jähn benannt. Die meisten existieren heute noch. Zu seinem 80. Geburtstag bekam er Glückwünsche aus vielen Ländern, aber nicht von der Regierung der BRD.
    Ich habe ihn mehrfach persönlich erlebt. Er war stets bescheiden und höflich.
    Was ist mit den Berufskollegen, die ihn für hohe staatliche Auszeichnungen vorgeschlagen haben? Zucken sie schweigend mit den Schultern?
    Sigmund Jähn war und ist unter den meisten Ostdeutschen geachtet und beliebt. Egal was aus den Bemühungen von Sebastian Walter wird, für mich bleibt der erste Deutsche im All hoch geachtet und verehrenswert.

  6. Gerhard Kowalski sagt:

    Halle ist ein besonders abstruser Fall. Dort ist aber wohl das letzte Wort noch nicht gesprochen.
    Vielleicht hilft die Sache in Brandenburg, einige Leute zur Vernunft zu bringen.

    GK

  7. Ralph Schneider sagt:

    Sie haben alle vollkommen recht, wenn Sie den Umgang mit Sigmund Jähn als beschämend bezeichnen. Es gab ja auch viele, welche seine Tätigkeit nach der Wende als „Anbiederung“ kritisierten. -Wie soll er als Offizier für Flugsicherheit zum Beispiel Kontakte mit dem MfS verhindert haben können? Es gab auch in der DDR, einem souveränen Staat der Mitglied der UNO war, Vorschriften, welche einzuhalten waren und wenn es eine gab, dass bei Flugunfällen diese und jene Stellen ins Bild zu setzen waren, so war das auch einzuhalten. Jetzt stehen natürlich alle, welche Vorschriften einhielten, bestenfalls als Deppen und schlechtestenfalls als Gangster da. Mit „Einheit“ hat so etwas jedenfalls nichts zu tun!

  8. Gerhard Kowalski sagt:

    Von Anbiederung und von Kontakten zum MfS habe ich selbst nie etwas gehört.

    GK

  9. Michael Brömmer sagt:

    Ich kann und muss mich all meinen “ Vorschreibern “ nur anschließen : was hier nun schon wieder läuft ist eine wiederholte, beschämende Angelegenheit. Ich hatte schon in meinem Kommentar vom 30.3.2018 bei “ In eigener Sache “ meine Ansichten dazu geäußert. Leider muss ich nun feststellen, das immer mehr abstruse Fakten ans Licht kommen. Das ist unwürdig in höchster Weise und Sigmund Jähn hat das nicht verdient. Ich freue mich doch immer wieder, das es noch aufrechte Menschen gibt, welche dagegen protestieren und Richtigstellung einfordern.

  10. Gerhard Kowalski sagt:

    Mal sehen, wie die Geschichte endet.
    GK

  11. Ralph Schneider sagt:

    Mit Anbiederung meinte ich seine Arbeit für die ESA.

  12. Gerhard Kowalski sagt:

    Aha!

    GK

  13. Gert Weigelt sagt:

    Jeder der Sigmund etwas persönlich kennen lernen durfte, kann sich bei dieser Schmutzkampagne nur an den Kopf fassen. Das sind nicht nur Ostdeutsche. Auch viele Altbundesbürger haben für so etwas kein Verständnis.

  14. Gerhard Kowalski sagt:

    Ich denke, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Die Wahrheit wird an den Tag kommen.

    GK

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.