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Rosozean statt Roskosmos –Russische Öffentlichkeit macht sich über Raumfahrtagentur lustig

Credit:G. Kowalski

Moskau,27. März 2012 —Wer den Schaden hat,braucht auch in der Raumfahrt für den Spott nicht zu sorgen. Das erlebt derzeit der russische Raumfahrtchef Wladimir Popowkin. Böse Zungen lästern,seine Agentur Roskosmos müsste eigentlich in Rosozean umbenannt werden.  Dabei spielen sie auf den Umstand an,dass in den letzten 16 Monaten vier Satelliten und eine Marssonde nach Fehlstarts ins Meer gefallen sind.

Begonnen hatte die unheilvolle Serie im Dezember 2010. Wegen eines Fehlers in der Oberstufe der Proton-M-Trägerrakete landeten drei Satelliten für das Weltraumnavigationssystem GLONASS nicht auf der Umlaufbahn,sondern  auf dem Grund des Pazifiks. Damit wurden nicht nur Millionen-Werte versenkt,sondern auch ein Ukas von Ministerpräsident Wladimir Putin torpediert. Der hatte nämlich angewiesen,den Konkurrenten des GPS-Systems der Amerikaner nach vielen Verzögerungen noch 2010 voll in Betrieb zu nehmen. Durch den Ausfall der drei Satelliten war das nicht mehr möglich. Präsident Dmitri Medwedjew feuerte daraufhin einen Roskosmos-Vize und einen stellvertretenden Chefkonstrukteur des Raumfahrtkonzerns “Energija”. Der damalige Roskosmos-Chef  Anatoli Perminow erhielt eine Rüge.

Am 16. Januar diesen Jahres fand die Marssonde Phobos-Grunt rund 1.250 Kilometer westlich der chilenischen Insel Wellington im Pazifik ihr nasses Grab. Damit wurde das Bemühen der Russen vorerst zunichte gemacht,sich nach 15-jähriger Pause wieder in der internationalen Planetenforschung zurückzumelden. Die 13,5 Tonnen schwere und rund 120 Millionen Euro teure Sonde war am 9. November 2011 gestartet worden,konnte jedoch wegen eines Fehlers den Weiterflug aus der Erdumlaufbahn zum Roten Planeten nicht antreten. Wochenlange Versuche,den Apparat gemeinsam mit den USA,der ESA und anderen Partnern noch zu retten,schlugen fehl. Letztlich war man froh,dass der Koloss beim unkontrollierten Wiedereintritt in die Erdatmosphäre zum größten Teil verglühte und keinen Schaden anrichtete.

Mit dem allerdings kontrollierten Absturz des Nachrichtensatelliten Express-AM4 am Sonntag über dem Pazifik nördlich von Hawaii endete nun das dritte Raumfahrtunternehmen im Wasser. Der bis dato leistungsfähigste russische Nachrichtensatellit war am 18. August vergangenen Jahres gestartet worden,erreichte aber ebenfalls nicht die vorausberechnete Umlaufbahn.  Express-AM4 sollte das Riesenland und seine ex-sowjetischen Anrainer 15 Jahre lang mit Fernsehen,Rundfunk und Internet versorgen.

Die Misserfolge werden vornehmlich Popowkin angelastet,obwohl der erst im Mai 2011 Roskosmos von Perminow übernommen hat. Popowkin versprach damals vollmundig,nach der Einstellung des US-Shuttle-Programms im Sommer werde “Zuverlässigkeit”in die Raumfahrt einziehen. Die russischen Sojus-Raketen und -Raumschiffe würden pünktlich auch ohne die Amerikaner die Internationale Raumstation ISS mit Menschen und Material versorgen. Doch schon am 24. August stürzte ein Sojus-Träger mit einem Frachtraumschiff kurz nach dem Start in Baikonur (Kasachstan) ab –ein bisher einmaliger Vorgang in der Geschichte der ISS. Deren Fahrplan geriet dadurch erheblich durcheinander. Nach einer weiteren Panne mit einer Sojus-Kapsel noch am Boden Anfang dieses Jahres verzögern sich die bemannten Starts und Landungen erneut um sechs Wochen.

Popowkin hat als Ursache für die Krise den menschlichen Faktor und organisatorische Probleme ausgemacht. In jüngster Zeit beschuldigte er zudem führende Raumfahrtmanger der Vetternwirtschaft,Finanzmanipulation und Verleumdung. Diese reagierten mit einer offenen Rücktrittsforderung. Inzwischen hat der für den militärisch-industriellen Komplex und die Raumfahrt zuständige Vizepremier Dmitri Rogosin verboten,den Disput öffentlich auszutragen. Doch damit ist das Problem nicht ausgestanden. Man darf gespannt sein,ob Popowkin die Turbulenzen überlebt.

(für dapd)


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