Eine Strategie für Deutschlands Raumfahrt – DLR-Chef Wörner rechnet mit der Vorlage des Papiers bis zum Jahresende

Credit: DLR

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Berlin, 7. Juni 2010  —  Der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Johann-Dietrich Wörner, geht davon aus, dass Deutschland bis zum Jahresende eine nationale Raumfahrtstrategie hat. Das Bundeswirtschaftsministerium habe die Aufgabe übernommen, eine solche Strategie zu entwickeln, die laut Koalitionsvertrag Ende 2010 fertig sein solle, sagte Wörner der Nachrichtenagentur ddp in Berlin. Das DLR habe seine Vorstellungen dazu in einem Konzept dem Ministerium übergeben.

Ziel dieser Strategie müsse sein, längerfristige Perspektiven zu formulieren, die dann durch Einzelziele und daraus abzuleitende Projekte und Missionen umgesetzt werden, betonte der DLR-Chef. Die Voraussetzungen dafür seien gut, da Deutschland in vielen Bereichen, so in der Erdbeobachtung und Robotik, „weltweit einen Spitzenplatz“ einnehme. Ähnliches gelte für die Navigation, Kommunikation und Materialforschung.  Auch bei der bemannten Raumfahrt könne Deutschland auf eine „lange, erfolgreiche Tradition“ zurückblicken. „Diese Stärken bilden sicherlich das Rückgrat einer Zukunftsentwicklung und müssen deshalb in der Strategie entsprechend berücksichtigt werden“, sagte Wörner.

Auch strukturell sei die Raumfahrt „von der Papierform aus“ gut in Wissenschaft und Wirtschaft positioniert. Das DLR habe durch seine Aufgaben in Forschung, Entwicklung und Raumfahrtmanagement eine besondere Rolle. Wie in der Entwicklung der Ländergesetze zur Optimierung des Bildungssystems durch Verlagerung von Zuständigkeiten auf die Hochschulen, sollte aber auch „die Positionierung des DLR im Interesse der Sache mehr an Zielen orientiert“ werden, statt Maßnahmen im Detail unter der Überschrift des „hoheitlichen Charakters“ der Raumfahrt vorzugeben, gab Wörner zu bedenken, der in der Vergangenheit immer wieder die Bereitschaft des DLR betont hat, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen.

Zur Finanzierung der Strategie sagte der DLR-Chef, bei allem Verständnis für die „überaus kritische Lage“ müsse jedem klar sein, dass Bildung und Forschung die wichtigsten Garanten für die Zukunft seien. Raumfahrt als „Hochtechnologie mit vielen direkten und indirekten positiven Effekten“ spiele dabei „eine besondere Rolle“.
Auf die Frage, ob Europa nicht angesichts der Einstellung des Shuttle-Programms endlich ein eigenes bemanntes Weltraumtransportsystem ernsthaft in Angriff nehmen sollte, sagte Wörner: „Wir erleben ja durchaus stürmische Zeiten mit ungewissem Ausgang.“ Die private Trägerrakete „Falcon 9“ sei erfolgreich getestet worden, und US-Präsident Barack Obama habe eine modifizierte „Orion“-Kapsel für unbemannte Flüge zur ISS ins Gespräch gebracht. Der Koordinator für die deutsche Luft- und Raumfahrt, Staatssekretär Peter Hintze (CDU), habe zudem vorgeschlagen, „Orion“ mit der europäischen Trägerrakete „Ariane 5“ zu transportieren. Zugleich untersuche die Europäische Weltraumorganisation ESA die Weiterentwicklung des automatischen Transportraumschiffs ATV (Automated Transfer Vehicle). Es mache also Sinn, „auf der Grundlage aller Informationen den europäischen Weg festzulegen und ein zukunftsfähiges Modell der Kooperation zu definieren, das den Herausforderungen in technischer, finanzieller und politischer Hinsicht gerecht wird“.

Drei Fragen und drei Antworten:
DLR-Chef Wörner unterstreicht besondere Rolle der Raumfahrt bei Sicherung der Zukunft
Berlin,  7. Juni 2010 — Deutschland hat sich in der Raumfahrt viel vorgenommen. Laut Koalitionsvertrag soll das dafür zuständige Bundeswirtschaftsministerium erstmals eine nationale Raumfahrtstrategie ausarbeiten. Sie soll Ende des Jahres verliegen. Darüber sprach ddp-Korrespondent Gerhard Kowalski am Vorabend der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA 2010 in Berlin-Schönefeld mit dem Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Johann-Dietrich Wörner.
ddp: Welche finanziellen Voraussetzungen wären für die Umsetzung dieser Strategie erforderlich? Trotz der Krise sollen ja die Mittel für Bildung und Forschung nicht gekürzt werden.

Wörner: Bei allem Verständnis für die überaus kritische Lage muss es jedem klar sein, dass Bildung und Forschung die wichtigsten Garanten für die Zukunft sind. Raumfahrt als  Hochtechnologie mit vielen direkten und indirekten positiven Effekten spielt eine  besondere Rolle in diesem Zusammenhang.

ddp: Welche Ziele müsste eine solche Strategie verfolgen?

Wörner: Wichtig ist aus meiner Sicht, dass eine Strategie versuchen sollte, längerfristige Perspektiven zu formulieren, die dann durch konkrete Einzelziele und daraus abzuleitende Projekte und Missionen umgesetzt werden. Ich denke dabei etwa an die Laserkommunikation zur Gewährleistung der sicheren Datenübertragung, den weiteren Ausbau robotischer Kompetenzen und deren Anwendung in der Deutschen Orbitalen Servicing Mission (DEOS) sowie  den Ausbau der Kompetenzen in der Erdbeobachtung.
ddp: Von welcher Basis kann Deutschland dabei ausgehen? Wo liegen seine Stärken, stimmen die Strukturen?

Wörner: Deutschland hat in vielen Bereichen der Raumfahrt, zum Beispiel in der Erdbeobachtung und Robotik, weltweit einen Spitzenplatz. Ähnliches gilt für Navigation, Kommunikation und Materialforschung. Bei der bemannten Raumfahrt kann Deutschland auf eine lange, erfolgreiche Tradition von der D1-Mission 1985 bis zur Internationalen Raumstation ISS zurückblicken. Diese Stärken bilden sicherlich das Rückgrat einer Zukunftsentwicklung und müssen deshalb in der Strategie entsprechend berücksichtigt werden.

Hinsichtlich der Strukturen ist Deutschland von der Papierform her gut aufgestellt: Die Raumfahrt ist in Wissenschaft und Wirtschaft gut positioniert, das DLR hat durch seine Aufgaben in Forschung, Entwicklung und Raumfahrtmanagement eine besondere Rolle, die weltweit anerkannt wird. Die Regelungen des Raumfahrtaufgabenübertragungsgesetzes hinsichtlich der Beauftragung des DLR durch die Regierung sind eine solide Grundlage. Wie in der Entwicklung der Ländergesetze zur Optimierung des Bildungssystems durch Verlagerung von Zuständigkeiten auf die Hochschulen sollte auch die Positionierung des DLR im Interesse der Sache mehr an Zielen orientiert werden, statt Maßnahmen im Detail unter der Überschrift des „hoheitlichen Charakters“ der Raumfahrt vorzugeben.

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